Ein Versuch über die Definition „Komfort ... (ist) 1) behagliche Gemächlichkeit 2) ein eleganter Kessel nebst Untersatz, Wasser zum Thee im Zimmer zum Kochen zu bringen, ...“1 geschrieben im Dialog mit La Belle Chocolatière.

[…] Heute Abend habe ich die App wiedergefunden, welche die Helligkeit des Bildschirms der jeweiligen Tageszeit anpasst. Jetzt, um 22.26 leuchten die Farben pudrig und der Hintergrund der Datei ist sandfarben mit einem Stich ins Rosa abgetönt. Plötzlich beugt sich jemand neben mir in Richtung Bildschirm und betrachtet gebannt, wie die Buchstaben auftauchen, eine junge Frau. Ich habe sie erwartet. Sie wird meine Gesprächspartnerin sein. La Belle Chocolatière kommt eigentlich aus Wien, dort wurde ihr Portrait von Jean Etienne Liotard zwischen 1743 und 1745 angefertigt. […] Auf diesem Portrait umgibt sie eine ungewöhnliche Klarheit und Frische, eine Atmosphäre, die durch die Andeutung des einfachen Raumes, den sie durchmisst, noch verstärkt wird: auf hellen Holzbohlen balanciert sie ihr Tablett. Ihre Silhouette und deren schwacher Schatten werden auf die gipsverputzte Wand projiziert, welche den Raum abschließt und alle Farbspiele der Umgebung aufzunehmen scheint. Ich habe mich schon oft gefragt, woher sie kommt und wohin sie mit ihrem Tablett, auf dem eine sogenannte Trembleuse kostbare Schokolade enthält, unterwegs ist. Wer wartet auf sie, wer hat sie gerufen?

Das Gespräch beginnt

Jetzt also steht sie neben mir und streicht mit einer ruhigen Bewegung die Schürze glatt, welche ihr Kleid schützt und zugleich ziert, wie man im achtzehnten Jahrhundert gesagt hätte. „Warum gibt es in dieser Wohnung niemanden, der Ihnen die heiße Schokolade bringt?“ fragt sie und schaut immer noch geradewegs auf den Bildschirm.

Ich wende mich ihr zu und überlege. Mit dieser Frage habe ich nicht gerechnet. „Nun, ich glaube, es wäre mir peinlich. Dienstmädchen, heute würde man sagen Hausangestellte, die im Haushalt leben, so wie es in Ihrer Zeit der Fall war, sind — zumindest in Europa und Amerika — nur noch in sehr wohlhabenden Familien zu finden. Aber es nicht nur eine Frage des Geldes. Von einer Person bedient zu werden, was auch in vielen bürgerlichen Familien bis in das zwanzigste Jahrhundert hinein absolut üblich war, ist nicht mehr Teil unseres Selbstverständnisses. Wir finden, dass wir uns selbst die Schokolade bringen müssen, wir kleiden uns selbst an und frisieren uns selbst. Vielleicht hat es etwas mit Nähe und Intimität zu tun, die man mit einer Hausangestellten nicht teilen möchte.“

Es bleibt einen Moment lang still, nun ist sie ihrerseits überrascht und sucht nach Worten. „Sie bedienen sich selbst? Wie interessant. Sie wissen also, wie man Schokolade kocht und sie besitzen Kleider, die Sie ohne die Hilfe einer anderen Person anziehenkönnen? Und Sie“, erneutes Zögern, „Sie haben Ihre Haare so geschnitten, dass Sie sie mit sehr wenig Aufwand frisieren können nicht wahr?“

[…] (Der Text ist ein Auszug aus einem Essay über den Begriff des Komforts, der 2017 für die Nullnummer einer neuen schweizerischen Zeitschrift zu Mode, Ästhetik und Kultur geschrieben wurde. Herausgeber des Magazins waren Noemi Ceresola, Matthias Waldhart und Jonny Graf, der Titel der Nullnummer sollte „Über Gerüche“ sein. Dieses Magazin wurde leider nicht realisiert. „Der Traum vom Komfort“ soll das Buch heißen, in dem ich der Geschichte der Zweckmäßigkeit und des Komforts in ihrem Zusammenspiel mit Ästhetik nachgehen werde. Bettina Köhler, Januar 2020)

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1 Wörterbuch der deutschen Sprache, von Dr. Daniel Sanders, Leipzig, 1860, Erster Band A-K.


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